Mi

10

Dez

2008

Fünfmal täglich Kollisionsalarm im deutschen Luftraum?

Im deutschen Luftraum kommt es laut einer Studie der Technischen Universität Braunschweig täglich zu gefährlichen Beinahe-Zusammenstößen von Flugzeugen. Das ist das Ergebnis einer systematischen Untersuchung des Flugverkehrs auf Signale des Kollisionsschutzsystems ACAS (Airborne Collision Avoidance System).

 

Fünf Bodenstationen überwachen den Luftraum

 Im Schnitt kämen sich in Deutschland jeden Tag fünfmal Maschinen so nahe, dass das Kollisionsschutzsystem ausgelöst werde, sagte der Sicherheitsforscher Peter Form. Im Rahmen des einmaligen Forschungsprojektes wurden zunächst Flugbewegungen im norddeutschen Luftraum beobachtet. Seit August dieses Jahres wird mit Hilfe von fünf Bodenstationen der gesamte deutsche Luftraum auf Kollisionswarnungen abgesucht.

 

Den Piloten bleiben 15 Sekunden

Wenn das Kollisionswarngerät anspringt, bleiben den Piloten noch etwa 15 Sekunden Zeit, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. "Etwa fünf Sekunden sind für die Reaktion des Piloten und zehn Sekunden für die Ausweichbewegung vorgesehen", sagte der Wissenschaftler Form.

Bei Kollisionsalarm müsse der Pilot die Anweisungen des Warnsystems genau befolgen. "Über die Aufmerksamkeit der Piloten hinaus gibt es dann keine technische Sicherung mehr." Die Wissenschaft gehe aber davon aus, dass es bei jeder 10.000sten menschlichen Handlung zu einem Versagen oder einem Irrtum komme.

 

Jeder siebte Pilot verhält sich falsch

Besorgniserregend sind die Erkenntnisse über mögliche Reaktionen der Piloten: Bei einem Kollisionsalarm "tut jeder siebte Pilot nicht, was er soll", so Form. Zum Teil würden im Cockpit weiter die Anweisungen der Flugsicherung und nicht die des automatischen Ausweichsystems befolgt. Zum Teil würden die Anweisungen des Systems aber auch falsch interpretiert.

Piloten gingen etwa vom Sink- in den Steigflug über, wenn das System ein Halten der Höhe verlange. Form steht nach eigenen Angaben mit fünf deutschen Fluggesellschaften in Kontakt, die seine Forschungsergebnisse zur besseren Schulung ihrer Piloten nutzen wollen.

Die Flugsicherheit sei dadurch weder gefährdet noch beeinträchtigt, teilte die Gewerkschaft für Flugsicherung (GdF) der Agentur ddp mit. Das Kollisionsfrühwarnsystem sei "dumm". Es warne den Piloten völlig unnötig, denn "sowohl der Pilot als auch der Fluglotse wissen über die aktuelle Situation bestens Bescheid", so ein GdF-Sprecher.

 

Reaktion auf Flugkatastrophe über Überlingen

Grund für die Forschungen der Braunschweiger Forscher des Instituts für Eisenbahnwesen und Verkehrssicherung war die Flugzeugkollision bei Überlingen am Bodensee im Juli 2002. Bei der Katastrophe kamen 71 Menschen ums Leben. Auch damals war ein Pilot nicht den Anweisungen des Schutzsystems, sondern den Vorgaben der Flugssicherung gefolgt.

Mehrere Fluggesellschaften sowie die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) bekundeten bereits Interesse an den Daten der Studie. Kollisionsfrühwarnsysteme könnten dadurch weiterentwickelt und verbessert werden.

(tagesschau.de)

 

Kollisionsalarme im deutschen Luftraum von August bis November 2008: Der Schwerpunkt der Fast-Zusammenstöße liegt offenbar im Westen des Landes. (Quelle: TU Braunschweig) Kollisionsalarme im deutschen Luftraum von August bis November 2008: Der Schwerpunkt der Fast-Zusammenstöße liegt offenbar im Westen des Landes. (Quelle: TU Braunschweig)
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